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Sunday, 02-August-2020

Über Carlo Goldoni

Es hat seine Zeit gedauert, bis Carlo Goldoni begriff, dass seine Gabe eher ihn besaß als er sie. Geboren wurde er am 25. Februar 1707, in Venedig. Die Mutter stammte aus einem Bürgerhaus, der Vater war angehender Arzt. Es war eine ruhelose Jugend. Während die Mutter und Brüderchen Gian Paolo meist in Venedig blieben, wohnte der Vater mit Carlo mal hier und mal dort, in Perugia und Rimini, in Pavia, Udine und Modena. Sohn Carlo aber liebte nur eins: das Theater. Wo keine Bühnenluft weht, kann er nicht atmen. Von einer Schule wechselte er zur nächsten. Zwischendurch riss er aus, um den Komödianten zu folgen. Unermüdlich sorgte sich der Vater, stets auf der Pirsch nach solventen Patienten, um Freitische und Stipendien für seinen Sohn; Geld fehlte immer.

Doch der junge Carlo schaffte es. An der ehrwürdigen Universität von Padua machte er 1731 seinen Doktor jur. Ein Jahr später wurde er venezianischer Advokat, eine formelle Würde, auf die er sein Leben lang stolz war.

Seine wahre, seine einzige Lehrmeisterin aber bleibt die Heimatstadt. Soviel er auch reist und sich in der (oberitalienischen) Welt umschaut, es ist die Serenissima, die Goldonis Sinnlichkeit, seine Lebensfreude und seine Weltklugheit ausbildet und ihn zum Theatermann erzieht. Venedig ist der Schauplatz seiner besten Stücke, ist der Ort fast aller seiner Erfolge; im venezianischen Dialekt funkeln seine besten Dialoge. Es ist die Atmosphäre der kleinen Freiheiten und großen Frechheit, die den Dichter bezaubert hat. Es ist Venedigs Sehnsucht nach Glück und Harmonie, die Lust am Spiel, die, wie Goldoni es nannte, »venezianische Munterkeit«, die ihn inspiriert. Er lässt sich treiben, schreibt für diese Truppe ein Stückchen, für jene, reist umher. Erst 1745 überredet er sich selbst, seriös zu werden. In Pisa eröffnet er eine Kanzlei, hat Erfolg. Doch das Theater, er kann es nicht lassen, es kann ihn nicht lassen.

Antonio Sacchi, ein berühmter Schauspielkünstler, bittet den Advokaten dringlich um ein neues Stück. Die Uraufführung des Dieners zweier Herren wird ein Riesenerfolg. Bestürmt von Sacchi und dem Impresario Girolamo Medebach, kehrt Goldoni 1747 aus Pisa nach Venedig zurück und verpflichtet sich dem Teatro Sant’Angelo als Autor. Das Haus wird er noch einmal wechseln, nicht aber seinen Beruf als Theaterdichter. Von jetzt an schreibt er Komödien. 137 sollen es werden, Klassiker des Welttheaters darunter wie die Mirandolina, Das Kaffeehaus, Krach in Chiozza, Die Herren im Haus und die unsterbliche Trilogie der Sommerfrische.

 

Auf Venedigs Volksbühnen herrscht die ewige Commedia dell’arte, eine Typenkomödie, die aus dem Stegreif gespielt wird bei nur grober Festlegung der Handlung. Die Schauspieler tragen Masken, auch ihre Bewegungen und Gesten sind normiert. Im Mittelpunkt steht fast immer Pantalone, der Kaufmann mit der schönen Tochter. Die meisten Lacher ernten Arlecchino als der tumbe und Brighella als der pfiffige Diener. Das Publikum kreischt vor Vergnügen, Comedy eben, Quatsch in jedem Format. Doch Goldoni spürt, dass die Zeit für einen Neuanfang gekommen ist, und erklärt seinen Schauspielern, dass es ein Ende haben müsse mit der Improvisation, den platten Witzen und ewigen Zoten. Dass sie von jetzt an gehalten seien, Text zu lernen. Er will keinen Klamauk mehr auf den Brettern, er wünscht sich ein realistisches Theater und baut und formuliert seine Stücke entsprechend. Die Resonanz des verblüfften Publikums ist enorm. Man strömt herbei, um die Wirklichkeit auf dem Theater zu sehen, und lacht und weint und kann nicht genug davon kriegen.

Darin liegt der Reiz seines Theaters bis heute. Goldoni riss Konventionen nieder und stellte sich die einfache Frage: Wie ist es wirklich? Was müssen die Figuren auf der Bühne sagen, tun und leiden, damit unsere Zeit sich selbst verstehen lernt?

Während im Sant’Angelo die Kasse klingelt, erwacht die Konkurrenz. Die Kritik reibt sich an Goldoni. Seine Stücke werden als banal abgetan, bezahlte Buhrufer stören die Vorstellungen. Zwar hat Goldoni unter Italiens Adel manchen Gönner gefunden, doch seine Bewerbung um eine Pension beim obersten Regierungsorgan der Serenissima wird abgelehnt.

Zu gern nur folgt er da einem Ruf der Comédie Italienne; im Frühling 1761 bricht Familie Goldoni auf nach Paris. Es wird die Enttäuschung seines Lebens. Die Schauspieler dort sind zwar seine Landsleute, verteidigen aber mit Feuer all das, was Goldoni ablehnt: die Masken, die Improvisation, die ganze traditionelle Commedia. Sie halten zusammen und ekeln den Meister aus dem Haus. So bleibt ihm nur die Arbeit als Lehrer bei Hofe. Gut dreißig lange, seltsam fruchtlose Jahre währt seine Pariser Zeit. Zwar versucht er sich als Bühnendichter in Erinnerung zu bringen, doch nur 1771 hatte er ein einziges Mal mit Der herzensgute Unwirsch Erfolg. Das Heimweh verließ ihn nie. In Venedig entstand derweil eine Ausgabe seiner Lustspiele, am Ende 44 Bände. Einer seiner letzten Pläne aber war ein Wörterbuch des venezianischen Dialekts – späte Heimkehr in jenes Leben, aus dem er einst seine unsterbliche Welt geschaffen hat.

 

Copyright: DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09, Barbara Sichtermann, gekürzt und leicht verändert; www.zeit.de/2007/09/A-Goldoni